Mrs. Boris

Seit wir in Myanmar sind, reisen wir sehr intensiv und kommen eigentlich zu nix anderem: der Blog, die Fotobearbeitung (mein Projekt) und die Video-/Musikgeschichte (Boris’ Angelegenheit) sind extrem hinten nach. Wir stehen früh auf und gehen früh ins Bett, machen viel, lesen ein bisl, haben viele Reisebekanntschaften und organisieren die Weiterreise. Herumzureisen ist in Myanmar bei weitem nicht so einfach als in Thailand. Die Reiserouten und die touristische Infrastruktur sind beschränkt, der Tourist_innenandrag war in den letzten Jahren massiv im Steigen begriffen und so müssen wir die überteuerten Unterkünfte idealerweise vorbuchen. Letzteres macht man telefonisch an der Rezeption (und fühlt sich kolonial) oder in einer Telefonzelle am Strassenrand (und fühlt sich extrem lustig).

Telefonzelle

Telefonzelle

Bei der Vorbuchung bin ich dazu übergegangen, mich „Mrs. Boris“ zu nennen. Bei der versuchten Buchstabiererei von „Veronika“, geschweige denn von unseren Nachnamen, kriegt man sonst einen Herzkasperl mit oft nur holprig Englisch sprechenden Einheimischen (und das ja noch dazu am Telefon!). Trotzdem schaffen sie es meistens – obwohl an der Rezeption üblicherweise komplett übersetzt – die Reservierung zu verbocken und wenn man dann dasteht und die Reservierung nicht geklappt hat, reagieren sie sehr asiatisch: Sie hoffen, man möge sich einfach wieder in Luft auflösen und ignorieren einen 😉

Die Station Mandalay hat uns nicht so getaugt, wir hatten dort irgendwie ein bisserl Pech. Amüsant ist ohnehin, dass mir die eigentlichen Sehenswürdigkeiten gar nicht am meisten taugen, sondern die belanglosen Erlebnisse daneben.
Z.B. als wir uns ein Mopedtaxi zur Besichtigung der alten Königsstadt Saigang in der Nähe von Mandalay mieten und uns unser guide Güllie mit fadenscheinigem Englisch eine Definition des Buddhismus gibt:
„Body and mind not broken.
Change, change, change, change, change
Life, life, life, life, life
Nirwana
The end.“
Oder die Fahrt im Pick-up: Bei der letzten Fahrt haben wir – ohne Kinder – sage und schreibe 50 Personen gezählt. Schließlich kann man zur Not ja noch eine Bank auf die Ladefläche schieben und auf dem Dach können ja auch noch Passagiere drauf. Auf letzteres dürfen übrigens nur Männer, sonst würden ja Frauen „auf“ den Männern sitzen – soweit ist es mit der Gleichstellung in Myanmar offenbar noch nicht.

Im Pick-up

Im Pick-up

Pick-ups

Pick-ups

Oder als wir beim Besuch eines Marionettentheaters Aung Soe Paing kennenlernen: Er ist Englischstudent; er und seine Mitstudierenden werden vom Lehrer jeden Abend zum Marionettentheater und am Wochenende nach Mandalay Hill geschickt, um mit den Tourist_innen Englisch zu üben – eine super Idee. Er hätte Glück, sagt er, in Yangon dürften sich Einheimische mit Ausländer_innen nicht so lange unterhalten. Als wir ihn fragen, ob er uns am folgenden Abend nicht nach Mandalay Hill begleiten will, fällt er fast vom Stuhl vor Freude und steht am nächsten Tag mit seiner ganzen Freundesgruppe da.

Mandalay Hill mit Englisch-Studierenden

Mandalay Hill mit Englisch-Studierenden

Lustig auch, dass uns Aung Soe Paing erklärt – immerhin gerade 16 Jahre alt –, dass er thanaka als Nachtmaske nimmt. Die thanaka-Paste wird aus Sandelholz gemacht, soll Sonnenschutz und Gesichtspflege sein und wird von Frauen, Männern und Kindern in speziellen Mustern aufs Gesicht aufgetragen. Bei manchen sieht das schick aus, andere sehen eher so aus, als wären sie in den Topf reingefallen…

In den thanaka-Topf geplumpst...

In den thanaka-Topf geplumpst…

thanaka - die süße Variante

thanaka – die süße Variante

Von Mandalay fahren wir mit dem Zug nach Hsipaw, eine Kleinstadt, wo wir Wanderungen machen – das sind meine bisher liebsten Stationen. Der Zug fährt natürlich um vier Uhr früh los (wann sonst?) und benötigt für die ca. 200 Kilometer elf Stunden. Zu meiner ganzen Freude hüpft Boris hell schreiend zweimal auf – ihm ist eine Maus über die Füße gelaufen. Fünf Minuten später bin ich nicht mehr so schadenfroh: Ich sitze in dem extrem verstaubten Sitz, hab die Füße weggestreckt und knabbere an Erdnüssen – ich fühl mich königlich –, da ist es an mir, hoch kreischend hochzufahren, als ich die Maus schon an meiner Handfläche spüre!
Ansonsten war die Zugfahrt extrem lauschig, man wackelt im Bummelzug über die schiefen Schienen und genießt die wunderschöne Landschaft – diesmal mit Bob Dylan und Catpower.

Im übrigen sind Boris und ich offenbar zu einem Pärchen mutiert, dass alles gemeinsam macht: Wir schwingen unsere Pullover verknotet um die Schultern, erzählen nur noch gemeinsam, sich gegenseitig mitten im Satz ablösend, Witze und – waren heute beide krank. Während ich dem Erbrechen und dem Durchfall gefrönt habe, widmete sich Boris einer kleinen Grippe und Kopfweh.. Aber das ist offenbar fixer Bestandteil eines Myanmar-Aufenthalts. Ui, und ich hab so einen Muskelkater im Hintern vom Wandern – es ist eine Augenweide, mir beim Stiegensteigen zuzusehen!

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